Ehemaliger Vorsitzender und amtierender Vorsitzender des Vorstands der Stiftung WHU
Dr. Toni Calabretti hat zu Jahresbeginn nach mehr als 13 Jahren im Amt den Vorstandsvorsitz der Stiftung WHU übergeben: Seit dem 14. Januar hat Dr. Dr. Christoph Glaser diese zentrale Rolle für die Hochschule inne. Dr. Toni Calabretti bleibt der Stiftung als Vorstandsmitglied verbunden. Im gemeinsamen Interview sprechen beide über Verantwortung, Erfahrungen, Motivation und Perspektiven für die weitere Entwicklung der WHU.
Herr Dr. Calabretti, Herr Dr. Glaser, der Wechsel an der Spitze des Stiftungsvorstands wurde bereits im vergangenen Jahr in die Wege geleitet. Was war Ihnen bei diesem Übergang besonders wichtig?
Calabretti: Für mich war entscheidend, dass all das, was wir in 13 Jahren aufgebaut haben, mit Entschlossenheit und Leidenschaft weitergeführt wird. Die WHU ist nicht nur eine Institution. Sie ist eine Gemeinschaft, die davon überzeugt ist, durch Bildung die Welt zu verändern. Am wichtigsten war mir daher, dass mein Nachfolger diese Überzeugung teilt. Bei Christoph weiß ich, dass die WHU in besten Händen ist. Christoph ist schon seit einigen Jahren ein wichtiges Mitglied unseres Beisheim-Management-Teams und engagiert sich sowohl in unserer Münchner Stiftung wie auch im Investment-Komitee. Vor der formalen Übergabe haben wir viel Zeit miteinander verbracht, und es hat mich beeindruckt, wie tief er nicht nur die Strukturen der Stiftung WHU, sondern auch ihr Selbstverständnis verstanden hat.
Glaser: Für mich stand vor allem Kontinuität im Vordergrund - nicht nur in der Führung, sondern auch im Vertrauen: im Vertrauen der Fakultät, der Mitarbeitenden, der Studierenden, der Alumni und unserer Partner. Toni hat die Hochschule sehr geprägt, und mir war stets bewusst, welche Verantwortung ich damit übernehme. Der Übergang wurde sorgfältig vorbereitet, sodass wir aus einer Position der Stärke heraus weitergehen können, ohne in eine Phase der Unsicherheit zu geraten.
Herr Dr. Calabretti, worauf blicken Sie nach mehr als 13 Jahren an der Spitze der Stiftung mit besonderer Zufriedenheit zurück?
Calabretti: Was mir die größte Zufriedenheit gibt, ist zu sehen, wie sich die WHU zu einer Hochschule entwickelt hat, die die nächste Generation von Führungspersönlichkeiten prägt – und dies mit einem klaren Wertekompass. Wenn ich darauf zurückblicke, wo die WHU stand, als ich diese Aufgabe übernommen habe, und wo sie heute steht, erfüllt es mich mit Stolz, was diese Gemeinschaft gemeinsam erreicht hat: Das Wachstum unseres Programmportfolios, die Stärkung unserer internationalen Reputation und vor allem die Persönlichkeiten, die wir ausbilden – Absolventinnen und Absolventen, die Unternehmen führen, Branchen gestalten und auf vielfältige Weise gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Wir verfügen über eine motivierte Fakultät und Administration sowie mit dem Core Leadership Team über ein exzellentes Führungsteam. Am meisten Freude bereitet mir jedoch die Alumni-Gemeinschaft, die sich rund um die WHU entwickelt hat; Menschen, die die Werte der Hochschule in die Welt tragen und sie an den unterschiedlichsten Orten weiterleben.
Herr Dr. Calabretti: Welche Herausforderungen haben diese Zeit aus Ihrer Sicht besonders geprägt?
Calabretti: Jede Zeit hat ihre prägenden Herausforderungen. In meiner Zeit an der WHU waren dies insbesondere die zunehmende Wettbewerbsintensität, sowohl in Deutschland als auch international, die Digitalisierung und zuletzt die Umbrüche durch die Pandemie. Die gesamte Bildungswelt wurde gezwungen, die Bedeutung und Relevanz physischer Lernorte in Frage zu stellen. Dieses Thema ist heute, im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, aktueller denn je. Wenn Wissen jederzeit und nahezu unbegrenzt verfügbar ist, stellt sich die Frage: Was ist der einzigartige Mehrwert eines Ortes wie der WHU? Meine Antwort lautet: die Menschen, die Gemeinschaft, die Begegnung. Die Intensität des gemeinsamen Lernens mit außergewöhnlichen Kommilitoninnen und Kommilitonen, mit einer exzellenten Fakultät und in einem inspirierenden Umfeld lässt sich nicht digital reproduzieren. Und das ist letztlich der rote Faden, der sich durch die Jahre zog: Diese Erfahrung, die uns unverwechselbar macht, zu bewahren und weiterzuentwickeln.
Herr Dr. Glaser, was hat Sie persönlich motiviert, den Vorsitz der Stiftung WHU zu übernehmen?
Glaser: Ich bin seit Langem davon überzeugt, dass Bildung – und insbesondere Managementbildung – einer der wirksamsten Hebel ist, um eine bessere Gesellschaft zu gestalten. Derzeit befinden wir uns aus meiner Sicht an einem historischen Wendepunkt. Künstliche Intelligenz verändert nicht nur Geschäftsmodelle, sondern auch unser Verständnis von Aufgaben, Verantwortung und Professionalität. Sie beeinflusst, was Führung bedeutet und welche Kompetenzen tatsächlich rar und wertvoll sind. Diese Entwicklung stellt eine große Herausforderung dar – und zugleich eine außergewöhnliche Chance für eine Hochschule wie die WHU. Ich möchte diesen Weg der WHU aktiv mitgestalten. Die Vision, auf die wir hinarbeiten – where human talent meets future intelligence for the greater good – bringt es für mich gut auf den Punkt. Es geht nicht darum, den Menschen durch die Maschine zu ersetzen, sondern darum, das Beste aus beiden Welten zusammenzuführen. Das ist die Vision, die mich motiviert hat, den Vorsitz der Stiftung WHU zu übernehmen.
Herr Dr. Glaser: Welche Themen möchten Sie in den kommenden Jahren besonders vorantreiben? Welche Weichen müssen gestellt werden, damit die WHU auch langfristig erfolgreich bleibt?
Glaser: Es gibt mehrere Bereiche, in denen wir aus meiner Sicht mutig vorangehen müssen. An erster Stelle steht die Weiterentwicklung unseres Curriculums. Die Kompetenzen, die die erfolgreichsten Führungspersönlichkeiten der kommenden Jahre auszeichnen werden, unterscheiden sich deutlich von denen der Vergangenheit. Wir brauchen Absolventinnen und Absolventen, die mit Komplexität und Unsicherheit souverän umgehen, die vernetzt und systemisch denken, die über kulturelle und disziplinäre Grenzen hinweg kooperieren und strategische Konzepte in konkrete, nachhaltige Ergebnisse überführen. Das sind keine „Soft Skills”, das sind anspruchsvolle Fähigkeiten, die in jeder Organisation selten sind. Zweitens muss die WHU die großen Herausforderungen unserer Zeit aktiv angehen: die Auswirkungen sich exponentiell entwickelnder Technologien auf gute Führung und auf die Gesellschaft, die Notwendigkeit, regenerative und nachhaltige Wirtschaftsmodelle zu schaffen sowie die grundlegende Frage, was es bedeutet, Mensch zu sein und in einer Welt des schnellen Wandels mit Sinn und Integrität zu führen. Und schließlich gilt es, die Verbindungen zwischen der WHU und ihrem Ökosystem aus Alumni, Partnern und der Wirtschaft weiter zu stärken. Eine Hochschule ist nur so stark wie ihre Anbindung an die reale Welt. Diese Verbindungen sind es, die Lernen in echte Wirkung übersetzen.
Herr Dr. Calabretti, gibt es einen Ratschlag, den Sie Ihrem Nachfolger für die Zukunft geben?
Calabretti: Mein Rat – und ich bin sicher, Christoph würde sagen, dass er sich diesen selbst geben würde – lautet: verliere nie den Mensch aus den Augen. In jeder Führungsrolle besteht die Gefahr, sich in Strategien, Strukturen oder Fragen der finanziellen Nachhaltigkeit zu verlieren. All das ist von großer Bedeutung. Doch das Herz der WHU waren und sind die Menschen: die Studierenden, die mit großem Potenzial kommen und hier nicht nur Wissen erwerben, sondern sich als Person weiterentwickeln, die Fakultät, die sich der Wissensentwicklung und -vermittlung verschrieben hat, die Mitarbeitenden, die sich mit großem Engagement für die Hochschule einsetzen, und die Alumni, die den Geist der WHU in die Welt tragen.
Bleib ihnen nahe. Hör ihnen zu. Und stell dir immer wieder die Frage, ob das, was wir aufbauen, tatsächlich ihrem Wachstum dient, und sie dazu befähigt, verantwortungsvoll und nachhaltig zu handeln. Alles Weitere wird sich daraus ergeben.
Herr Dr. Calabretti, Herr Dr. Glaser, hinsichtlich des Leitgedanken „Alumni Impact“: Welche Rolle spielen die Alumni für die Entwicklung der WHU? Wo sehen Sie Potenzial für eine noch stärkere Einbindung?
Calabretti: Die Alumni verkörpern in besonderer Weise die Werte der WHU. Jedes Unternehmen, das eine Absolventin oder ein Absolvent gründet, jede gestaltete Transformation oder der Aufbau von etwas Bleibendem macht die Wirkung der WHU in der Welt sichtbar. Ich wünsche mir jedoch, dass die Alumni nicht nur erkennen, wie sie von ihrer Zeit an der Hochschule profitieren, sondern dass sie sich selbst auch als Mitgestalterinnen und Mitgestalter der Zukunft der WHU sehen: als Mentorinnen und Mentoren, als Expertinnen und Experten, als Botschafterinnen und Botschafter und als aktive Mitglieder der Hochschulgemeinschaft.
Glaser: Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Ich würde zudem ergänzen, dass wir uns in einer Phase befinden, in der die Alumni eine besonders wichtige Rolle als Brückenbauer zwischen akademischer Welt und den Realitäten von Wirtschaft und Gesellschaft einnehmen können. Die Herausforderungen, vor denen wir stehen – ob im Bereich Technologie, Nachhaltigkeit oder Führung – lassen sich nicht innerhalb der Mauern einer einzelnen Institution lösen. Wir brauchen den Dialog, den Austausch der Perspektiven, die Verbindung zwischen der Lehre im Hörsaal und dem, was in der realen Welt geschieht. Ich sehe ein enormes Potenzial, diese Partnerschaft weiter zu vertiefen, und es ist eines der Themen, die ich mit besonderem Engagement vorantreiben möchte.
Herr Dr. Calabretti, Herr Dr. Glaser: Wenn Sie sich nicht mit den Belangen der WHU beschäftigen – womit verbringen Sie Ihre Zeit am liebsten?
Calabretti: Seit jeher finde ich im Sport und in der Natur meinen Ausgleich. In der Bewegung und im Draußensein liegt für mich etwas, das den Blick weitet und daran erinnert, worauf es wirklich ankommt. Und natürlich die Zeit mit meiner Familie – sie war und ist mein Anker.
Glaser: Für mich gilt in vielerlei Hinsicht Ähnliches. Meine besten Gedanken entstehen meist dann, wenn ich Abstand von Bildschirmen und Terminen habe – sei es auf Reisen oder in langen Gesprächen mit Menschen, die mich inspirieren. Mich beschäftigt zudem sehr die Schnittstelle zwischen Technologie und Kultur. Mich interessieren die grundlegenden Fragen dazu, wie wir als Menschen Orientierung in dieser Welt finden. Diese Themen sind jedoch nicht zu trennen von meiner Arbeit für die WHU – im Gegenteil, sie fließen unmittelbar in sie ein.
Zum Abschluss Herr Dr. Glaser: Angesichts der großen gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen wir in Deutschland und Europa stehen, in welchen Bereichen kann die WHU einen Beitrag leisten?
Glaser: Deutschland und Europa stehen vor tiefgreifenden Herausforderungen. Unsere wirtschaftlichen Modelle und unser politisches System sind unter Druck geraten und wir erleben eine technologische Revolution, deren Auswirkungen wir noch nicht vollständig erfassen. In diesem Kontext kann die WHU aus meiner Sicht in drei Bereichen einen wesentlichen Beitrag leisten. Erstens: die Ausbildung von Führungspersönlichkeiten, die Komplexität mit Integrität begegnen – Menschen, die analytische Schärfe mit ethischem Urteilsvermögen verbinden, die nicht nur fragen „Können wir das tun?“, sondern auch „Sollten wir es tun?“ und „Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?“ Zweitens: die Förderung unternehmerischen Denkens und des Mutes zur Gestaltung. Europa braucht mehr Menschen, die Herausforderungen als Chancen begreifen und bereit sind, selbst Verantwortung zu übernehmen und die notwendigen Lösungen zu entwickeln. Dieser Geist einer werteorientierten Innovationskraft ist etwas, das die WHU stärken und sichtbar machen kann. Und drittens: ein Forum zu schaffen für die entscheidenden Diskussionen über unsere Zukunft – zwischen Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Die WHU hat gute Voraussetzungen, ein solcher Ort zu sein: als Ort des Austauschs, als Ort, an dem Ideen kritisch geprüft werden und die nächste Generation von Führungspersönlichkeiten nicht nur Kompetenzen, sondern auch Urteilskraft entwickelt.
Dr. Calabretti, Dr. Glaser, vielen Dank für das Gespräch!
