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Dr. Michael Diederich, Alumnus der WHU und verantwortlich für das Firmenkundengeschäft der Deutschen Bank.
03.06.2026

Fünf Fragen an Dr. Michael Diederich

„Der ständige Wandel in der Arbeitswelt bietet jungen Menschen gerade jetzt viele Möglichkeiten“

Als einer der Pioniere des EMBA-Programms in Deutschland hat Dr. Michael Diederich 1999 seinen Abschluss an der WHU – Otto Beisheim School of Management gemacht. Heute ist er Mitglied des Konzernleitungskomitees der Deutschen Bank und verantwortet das Firmenkundengeschäft. Dabei ist sein Ohr stets ganz nah an der Wirtschaft. Durch den ständigen Austausch mit großen Mittelständlern und Konzernchefs weiß er, wie es um die deutsche und europäische Wirtschaft steht, wo es hakt und in welchen Bereichen man sich berechtigte Hoffnungen auf einen Aufschwung machen darf. Im Interview spricht der Finanzexperte über die Perspektiven der Wirtschaft, die Rolle von Fintechs und Erfahrungen beim FC Bayern. Für junge Menschen, die aktuell auf den Arbeitsmarkt strömen, hat er eine optimistische Botschaft.      

 

Lieber Michael, als Co-Leiter der Unternehmensbank bist du seit vergangenem Jahr maßgeblich für das Firmenkundengeschäft der Deutschen Bank verantwortlich. In Deutschland und Europa machen Unternehmen jedoch gerade eine schwierige Phase durch, das Wirtschaftswachstum ist sehr begrenzt. Was brauchen Unternehmen aktuell am meisten, damit der Motor wieder anspringt?

Aus meiner Perspektive sind es vor allem drei relevante Dinge: Erstens brauchen Unternehmen dieser Tage Planungssicherheit und Vertrauen, weil die Welt unsicherer und unruhiger geworden ist. Unsere Welt war lange Zeit unipolar geprägt, mit den USA als einziger verbliebener Großmacht. Davor waren wir mit zwei großen Mächten international bipolar orientiert. Auch da konnten wir uns gut organisieren. Heute leben wir in einer multipolaren Welt, in der das Handeln wesentlich komplexer geworden ist, weil dort viel mehr Akteure mit eigenen Interessen, Vorstellungen und Ideen unterwegs sind. Um in einem solchen Markt erfolgreich zu sein, braucht man hohe Anpassungsfähigkeit, Effizienz und Resilienz. Ich bin davon überzeugt, dass wir in Deutschland und Europa alle Ingredienzien haben, um weiterhin eine führende Rolle spielen zu können. Zweitens benötigen Unternehmen Kapital und Investitionsfähigkeit. Und drittens – und das ist unser ganz großes Thema – brauchen wir Tempo, Umsetzung und Wirkung. 

Bei all den Gesprächen, die ich mit Vertreterinnen und Vertretern der Wirtschaft momentan führe, geht es im Kern immer um diese drei Bereiche. Wie sicher ist man in seinen eigenen Planungen? Wie viel Vertrauen schenkt man dem Partner? Wie stellt man das Kapital so zur Verfügung, dass das Objekt, das Projekt oder die Expansion dann auch tatsächlich finanziert werden kann? Und wie bekommen wir Tempo und Skalierung, damit wir all das, was wir an Ideen haben, dann auch wirklich umsetzen? Ich bin der festen Überzeugung, dass wir kein Erkenntnisproblem haben, sondern es jetzt darum geht, das anzupacken und umzusetzen, was wir erreichen wollen.

 

Weltweit strömen immer mehr KI-getriebene Geschäftsmodelle und Fintechs auf den Markt. Bedroht diese Entwicklung das klassische Bankengeschäft? Welche Anpassungen sind nötig, um dieser sich verändernden Realität Rechnung zu tragen?

Da schlagen mehrere Herzen in meiner Brust. Warum? Ein Fintech kann heute – wenn ich es vereinfacht darstelle – Kunde, Wettbewerber und Partner sein; manchmal auch alles zur gleichen Zeit. Ja, wir müssen die Fintech-Szene gut beobachten, aber sie hält uns auch beweglich. All das, was wir auf der Prozessseite machen, was wir in die Optimierung, in Bots oder in KI-Themen investieren, hält uns agil. Fintechs prägen heute den Markt.

Auf der anderen Seite ist es aber auch kein Geheimnis: Fintechs wie Trade Republic, PayPal, Scalable oder andere gehören zu unseren Kunden. Und wir arbeiten aktiv mit diesen Unternehmen zusammen und wertschätzen die Kooperation.

Und in vielen Bereichen sind wir auch Partner. Von daher lässt sich diese Frage nicht eindimensional beantworten. Im Grunde genommen tut dieser Wettbewerb großen Organisationen gar nicht so schlecht, damit sie selbst agil bleiben.

 

Zwischen 2023 und 2025 hast du der Bankenbranche kurzzeitig den Rücken gekehrt und bist als CFO und stellvertretender Vorstandsvorsitzender zum FC Bayern gewechselt. Siehst du Parallelen zwischen der Bankbranche und der Fußballwelt? 

Auf der einen Seite hat man ein hochreguliertes Gebilde wie eine Bank und auf der anderen Seite einen hochprofessionellen Sportverein, bei dem Regulierung nicht die oberste Priorität hat – auch wenn man sich natürlich bestimmte Regeln gegeben hat. Es gibt auch noch andere fundamentale Unterschiede. Was allerdings bei etwas Abstraktion Bank und Bundesligist verbindet: Du kannst nur im Team erfolgreich sein.

Überall dort, wo Produkte sehr homogen sind, machen das Team und das Zusammenspiel der Teams innerhalb der Organisation den Unterschied. Und dann kommt Ambition ins Spiel. 

Team, Zusammenspiel, Ambition: Das ist, glaube ich, das, was die Banken- und Fußballbranche verbindet und was den Unterschied auf dem Platz und im Geschäftsbetrieb der Bank macht. 

 

Du warst 1999 einer der Pioniere des Kellogg-WHU EMBA, der erst ein Jahr zuvor an der WHU eingeführt worden ist. In Deutschland war das Programm kaum verbreitet. Was sind die wichtigsten Elemente, die du aus diesem Programm mitgenommen hast?

Den Zwang, vernetzt zu denken. Es ging nie immer nur um eine Disziplin – erkläre mir mal nur Controlling, erkläre mir mal nur Lieferkettenoptimierung oder erkläre mir mal nur Marketing – sondern es ging immer um Rezepte aus diesem gemeinsamen Repertoire. Was passt auf eine besondere Situation oder auf eine bestimmte Herausforderung? Was bringt man wie am besten ein, sodass sich die Teile am besten ergänzen? Das hat mich bis heute geprägt: Das Arbeiten in vernetzten und diversen Teams. 

Das klingt heute selbstverständlich, war es damals aber nicht unbedingt. Heute sprechen alle von Diversität. Du hast unterschiedliche Charaktere, jeder hat seinen Punkt, der auch valide ist und eingebracht werden will. Alle diese Positionen zu hören und diese Unterschiedlichkeit zu managen, um im Ergebnis eine bessere Lösung zu bekommen, ist der ultimative Maßstab, der über den Erfolg eines Teams entscheidet. Diese Erkenntnis hat mich geprägt. 

Damals im EMBA-Programm war es eine unglaubliche Erfahrung, sich Themen über echte Case Studies statt über reine Wissensvermittlung zu nähern. Plus das Netzwerk, das man aufbauen konnte und das bis heute noch funktioniert. Mit sehr vielen ist man weiterhin in Kontakt und nicht selten sind deren Karrieren beeindruckend. Ob auf der Private-Equity-Seite, im Venture Capital, im Start-up oder bei großen Unternehmen – dieses Netzwerk, das man durch das Programm aufbauen konnte, sucht seinesgleichen. 

 

Man hört immer wieder, dass der Arbeitsmarkt gerade für Berufsanfänger schwierig ist. Wie schätzt du das ein? Welchen Ratschlag würdest du jungen WHU-Studierenden geben?

Ich glaube, für gut ausgebildete, junge Leute wird es immer einen Markt geben. Und ich glaube auch – wenn man sich die Alterspyramiden für Deutschland und Europa ansieht – dass man als junger Mensch Karriere heute kaum noch vermeiden kann. Die läuft auf dich zu, weil in den nächsten vier, fünf, sechs Jahren die ganze Babyboomer-Generation irgendwann mal in den Ruhestand geht. Dabei muss man jedoch auch immer im Blick behalten, inwieweit KI die Arbeitswelt verändert.

Wichtig ist der Ehrgeiz und das Interesse daran, sich an neuen Themen zu beweisen. Die Generation, die jetzt zu uns an Bord kommt, ist die, die ganz selbstverständlich Chatbots oder KI-Instrumente nutzt. Wir brauchen diesen Input, weil das die Generation ist, die irgendwann das Banking definiert und die mit modernem Banking umgehen wird. 

Als gut ausgebildeter, nicht zu spitz aufgestellter junger Mensch wirst du eine Karriere schon deshalb kaum vermeiden können, weil die Arbeitswelt ständig neue Herausforderungen und Veränderungen bereithält. Von daher sollte man in eine gute, breit aufgestellte Ausbildung investieren. Man sollte sich viele Dinge ansehen und mobil im Kopf bleiben. Sowohl räumlich als auch bei dem, was man macht. Das sind Ratschläge, die ich jungen Studierenden gern mitgeben möchte. 

 

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg. 

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Fotonachweis: Mario Andreya

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