„Papa, warum löst du nicht das Klimaproblem?“
Nachdem Christian Vollmann (Diplom Business Administration 2002) erfolgreich Unternehmen wie MyVideo, eDarling und nebenan.de gegründet und verkauft hat, könnte er sich eigentlich entspannt seinen Hobbys widmen. Doch der WHU-Alumnus entschied sich für einen beruflichen Neuanfang – in einer Branche, in der er zunächst selbst kaum Vorkenntnisse hatte: Mit C1 Green Chemicals entwickelt er mit seinem Team Verfahren zur Herstellung von grünem Methanol aus CO₂. Dieser Grundstoff kann fossile Rohstoffe in Bereichen wie Schifffahrt, Luftfahrt oder der chemischen Industrie ersetzen und den CO₂-Ausstoß deutlich reduzieren. Im Interview erzählt der Seriengründer, warum er sich bewusst für den Wechsel in die Climate-Tech-Branche entschieden hat, welche Rolle politische Rahmenbedingungen für Innovationen spielen und warum Scheitern für ihn zum Unternehmertum dazugehört.
Christian, du hast mehrere erfolgreiche Unternehmen gegründet und später verkauft. Wieso hast du danach noch einmal ganz von vorne angefangen?
Das fragen mich tatsächlich viele. Am Anfang hätte ich mir auch vorstellen können, einfach als Investor aktiv zu sein. Aber ich habe schnell gemerkt, dass mir das allein nicht reicht. Den entscheidenden Impuls für die Gründung von C1 Green Chemicals hat mir mein ältester Sohn gegeben. Als er zehn Jahre alt war, fragte er mich: „Papa, du hast mir doch erklärt, dass Unternehmer Probleme lösen. Warum löst du nicht das Klimaproblem?" Rückblickend war das wahrscheinlich die wichtigste Frage meiner unternehmerischen Laufbahn. Sie ließ mich nicht mehr los. Ich musste mir eingestehen, dass ich darauf keine gute Antwort hatte. Also habe ich angefangen, mit Wissenschaftler:innen und Ingenieur:innen zu sprechen und mich in ein völlig neues Gebiet einzuarbeiten.
Wie schaffst du es, in dieser Branche ohne naturwissenschaftlichen Hintergrund Erfolg zu haben?
Ich habe schnell gemerkt, dass in der Chemie niemand auf einen Digitalunternehmer gewartet hat. Entscheidend war aber, dass meine Aufgabe nicht die des Erfinders sein musste. Meine Rolle ist es, Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen zusammenzubringen und aus einer wissenschaftlichen Innovation ein Unternehmen zu machen. Genau so ist C1 entstanden. Unsere Aufgabe ist es, wissenschaftliche Innovationen in die industrielle Anwendung zu bringen. Unser Team entwickelt Verfahren zur Herstellung von grünem Methanol. Methanol kann man sich wie den kleinsten Lego-Baustein der kohlenstoffbasierten chemischen Industrie vorstellen. Daraus entstehen Kraftstoffe, Kunststoffe, Klebstoffe, Dämmstoffe, Farben, Lacke und vieles mehr. Unser Ziel ist es, diesen Grundstoff künftig aus CO₂ und erneuerbaren Quellen herzustellen. Letztlich wollen wir grünes Methanol marktfähig machen und langfristig eine Innovationsplattform für nachhaltige Chemie aufbauen. Meine Wunschvorstellung ist, irgendwann auf unsere Webseite zu schauen und dort live zu sehen, wie viele Millionen Tonnen CO₂ durch unsere Technologien bereits eingespart wurden. Das wäre für mich der schönste Erfolg.
Du hast in ganz unterschiedlichen Branchen gegründet – von Entertainment über Dating bis hin zu Climate Tech. Was treibt dich als Unternehmer an?
Ich wollte immer Unternehmen gründen, die echte Probleme lösen, und natürlich stand auch immer der wirtschaftliche Erfolg im Fokus. Heute motiviert mich zusätzlich der gesellschaftliche Nutzen. Bei nebenan.de ging es darum, Nachbarschaften wieder stärker miteinander zu verbinden und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern. Das war meine erste Gründung mit einem klaren gesellschaftlichen Impact. Mit C1 arbeite ich heute an einem der größten Probleme unserer Zeit und habe tatsächlich das Gefühl, angekommen zu sein. Wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftlicher Nutzen gehören hier unmittelbar zusammen.
C1 ist in einem Markt tätig, der stark von geopolitischen Entwicklungen und regulatorischen Entscheidungen abhängig ist. Wie wirkt sich das aus?
Trotz verändernder Bedingungen haben wir in den vergangenen vier Jahren enorme Fortschritte gemacht. Wir beschäftigen heute mehr als 30 Mitarbeitende, haben mehrere Patente angemeldet und betreiben Pilotanlagen in Berlin und Leuna. Jetzt geht es darum, die Technologie in den industriellen Maßstab zu bringen und später weltweit zu lizenzieren. Aber natürlich brauchen Technologien wie unsere verlässliche Rahmenbedingungen. Industrieunternehmen investieren für Jahrzehnte – das größte Problem sind deshalb weniger einzelne politische Entscheidungen als ständig wechselnde Spielregeln. Aber wenn es etwas gibt, was ich aus meinen Gründungen gelernt habe, dann dass jede Branche ihre eigenen Herausforderungen mit sich bringt. Man kann sich darüber ärgern oder sich anpassen. Als sich zum Beispiel der Markt in der Schifffahrt langsamer entwickelt hat als erwartet, haben sich gleichzeitig neue Chancen in der Luftfahrt und im Straßenverkehr ergeben.
Welchen Rat würdest du Studierenden geben, die gründen möchten?
Man kann unglaublich viel planen, aber irgendwann muss man einfach anfangen. Unternehmertum ist Trial and Error. Man lernt nicht dadurch, dass alles funktioniert, sondern indem man ausprobiert, scheitert und wieder von vorne anfängt. Und mindestens genauso wichtig ist die Wahl der Mitgründer:innen. Ein Gründerteam ist fast wie eine Ehe. Deshalb sollte man nicht nur auf den Lebenslauf schauen, sondern auch auf das eigene Bauchgefühl hören. Und schließlich spielt Timing eine viel größere Rolle, als viele glauben. Selbst die beste Idee kann zu früh oder zu spät kommen. Und da sind wir wieder bei meinem ersten Rat: Entscheidend ist, trotz allem den Mut zu haben, loszulegen.
Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg.
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