Florian Birner und seine Co-Founder arbeiten mit Nachdruck daran, den Klimawandel durch ein neuartiges Speicherverfahren von Kohlendioxid zu stoppen
Es klingt wie ein Traum: Klimaschädliches CO2 aus der Luft herausfiltern, es in mineralisiertes Wasser umwandeln und einfach im Meer speichern, wo es gefahrlos und permanent gebunden bleibt. Ganz so, wie es die Natur bereits seit Jahrmillionen vormacht, nur deutlich schneller. Das hilft nicht nur dem Klima, das während des Prozesses entstehende Hydrogenkarbonat wirkt sogar der Übersäuerung der Weltmeere entgegen. Genau daran arbeiten gerade Florian Birner (PTMBA 2017), Prof. Dr. Jens Hartmann und Dr. Frank Rattey – die Gründer von Planeteers. Auch wenn die Idee brillant ist und Wissenschaftler begeistert sind, ist der Klimawandel so einfach nicht zu stoppen. Ein ganzes Bündel von Ansätzen ist nötig und dieser könnte einer davon sein. Das sogenannte Carbon Capture and Storage (CCS; zu Deutsch: Abscheidung und Speicherung von CO2) wirkt vielversprechend, birgt jedoch noch jede Menge strukturelle Herausforderungen. Und bis mit der Methode weltweit im Gigatonnen-Maßstab CO2 aus der Luft gefiltert werden kann, wird noch einige Zeit vergehen. Das mittlerweile 24-köpfige Team von Planeteers hat sich jedoch 2022 schon auf den Weg gemacht und hat dem Klimawandel den Kampf angesagt. Im Interview erklärt der Absolvent der WHU – Otto Beisheim School of Management Florian Birner, wie Planeteers dem Klimawandel in den kommenden Jahren die Stirn bieten möchte.
Lieber Florian, kommen wir zuerst einmal zu euren Hintergründen: Euer Gründer-Team von Planeteers deckt eine enorme Bandbreite von Fachgebieten ab – Wirtschaftsingenieur bei Airbus, Forscher und Geochemiker an der Universität Hamburg, und du selbst hast neben deinem MBA-Studium an der WHU auch ein Ingenieurstudium vorzuweisen. Zusammen kommt ihr auf mehr als 60 Jahre Arbeitserfahrung – alles andere als selbstverständlich für Start-up-Gründende. Wie findet sich ein solch schlagkräftiges Team? Und ist das etwas, das Investoren imponiert?
Ja, es stimmt – im Gründerkreis sind wir nicht mehr die Jüngsten. Interessanterweise wurde das in unserem Bereich – Hardware-Start-up – vonseiten der Investoren eher positiv bewertet. Ich glaube, laut einer Auswertung der Harvard Business School und des MIT liegt das „erfolgreiche“ Gründeralter eher zwischen 35 und 45 Jahren. Ich denke allerdings, dass man das nicht am Alter festmachen sollte, sondern vielmehr daran, wie das Team über Märkte, Produkte und Lösungen bzw. Innovationen nachdenkt. Unabhängig vom Alter sollte das Team immer für neue Sichtweisen offen sein. Gefunden haben wir uns über unser Netzwerk und den darin stattfindenden Austausch von Ideen und Interessen. Und auch bei uns kam noch ein bisschen glückliches Timing hinzu – sprich, dass die relevanten Leute nicht nur die Kompetenz, Motivation und Begeisterung für das Thema mitbringen, sondern dass es zeitlich auch zusammenpasst.
Welchen Einfluss hatte dein Studium an der WHU dabei, dass du heute als Gründer den Klimawandel bekämpfst?
An der WHU habe ich neben der akademischen Exzellenz und dem starken Netzwerk vor allem eines erlebt: unternehmerisches Denken und Handeln. Dieser Geist war auch hier deutlich spürbar.
Gleichzeitig ist klar, dass der Klimawandel langfristig einen tiefgreifenden Einfluss auf unseren Alltag haben wird – nicht nur in ökologischer Hinsicht, sondern insbesondere auch durch seine sozialen und ökonomischen Auswirkungen.
Diese Veränderungen frühzeitig zu erkennen und daraus tragfähige, skalierbare Geschäftsmodelle zu entwickeln, war ein zentrales Learning aus dem Umfeld der WHU. Unternehmertum bedeutet dabei nicht nur Innovation, sondern auch Verantwortung: Chancen zu nutzen, wo sich gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen neu definieren.
Planeteers wurde vor vier Jahren gegründet. Welchen Anspruch hat euer Unternehmen und wie genau sieht die Technologie dahinter aus?
Unser Ziel ist klar: Wir bieten Unternehmen eine preisgünstige und skalierbare Technologie, mit der sich CO₂-Emissionen im großen Maßstab vermeiden lassen.
Damit befähigen wir unsere Kunden, sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren – ohne sich mit komplexen regulatorischen Anforderungen, Berichterstattungspflichten oder möglichen Strafzahlungen auseinandersetzen zu müssen. Klimaschutz wird so nicht zur Zusatzbelastung, sondern zu einem integrierten Bestandteil wirtschaftlichen Handelns.
Unsere Technologie besitzt dabei einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Im Vergleich zu vielen bestehenden Lösungen muss das CO₂ nicht in mehreren kostenintensiven Einzelschritten abgeschieden, transportiert und anschließend in unterirdischen Speicherstätten – etwa in Norwegen – verpresst werden. Stattdessen wird das CO₂ in einem ganzheitlichen Prozess direkt in mineralisiertes Wasser umgewandelt. Dieser Ansatz reduziert Komplexität, Kosten und Abhängigkeiten von externer Infrastruktur – und schafft die Voraussetzung für echte Skalierung.
Zwei erfolgreiche Finanzierungsrunden zeigen, dass Investoren eurem Geschäftsmodell vertrauen. Ihr erzielt bereits eine Million Euro Umsatz im Jahr. Wer zählt zu euren Kunden und wie lässt sich euer Geschäftsmodell in Zukunft noch erweitern?
In der frühen Phase haben wir bewusst stark in die Evaluierung potenzieller Kunden investiert. Dabei haben wir unterschiedliche Branchen ebenso getestet wie verschiedene Vertrags- und Erlösmodelle – und konnten bereits in dieser Phase erste Umsätze generieren.
Heute befinden wir uns in der Produktionsphase und sind in der Lage, mehrere Kunden parallel zu bedienen. Dieser Übergang von Validierung zu Skalierung markiert einen entscheidenden Meilenstein in unserer Entwicklung.
Tatsächlich adressiert unsere Technologie zwei unterschiedliche, aber eng miteinander verbundene Märkte:
Der erste ist der Voluntary Carbon Market. In diesem Markt erwerben Unternehmen CO₂-Zertifikate, um ihre Emissionen freiwillig zu kompensieren. Die Verifizierung und Validierung unserer CO₂-Reduktionen erfolgt durch das unabhängige Prüfungsunternehmen Isometric, wodurch Transparenz und Glaubwürdigkeit sichergestellt werden.
Der zweite und deutlich größere Markt ist der Dekarbonisierungsmarkt. Allein in Europa werden jährlich rund 270 Millionen Tonnen CO₂ emittiert, die grundsätzlich vermeidbar oder speicherbar sind. Hier helfen wir unseren Kunden, CO₂ gar nicht erst in die Atmosphäre entweichen zu lassen, sondern es direkt im Prozess zu speichern.
Insgesamt adressieren wir damit einen breiten und stark fragmentierten Markt, der allein in Europa ein Volumen von rund 45 Milliarden Euro umfasst – und dabei lediglich jene Kundensegmente berücksichtigt, die unsere Technologie besonders effizient nutzen können. Das verdeutlicht nicht nur die Skalierbarkeit unseres Ansatzes, sondern auch das erhebliche Wachstumspotenzial in einem Markt, der regulatorisch wie wirtschaftlich weiter an Bedeutung gewinnen wird.
Die CCS-Technologie hat auch ihre Defizite. Kritiker behaupten, sie sei eine Möglichkeit für energieintensive Industrien, sich durch den Erwerb von Zertifikaten freizukaufen und weiter Öl und Gas zu verbrennen. Was entgegnet ihr derartiger Kritik?
Die Kritik ist nicht haltlos. Gleichzeitig muss berücksichtigt werden, dass der Industrie durch die EU-Vorgaben ambitionierte Ziele gesetzt wurden: Bis 2030 sollen die Emissionen um 45 Prozent reduziert werden. Und einige Industrien wie beispielsweise die Kalk- und Zementindustrie oder die Müllverbrennung emittieren prozessbedingt CO₂, was sich nicht vermeiden lässt.
Diese Zielvorgaben in laufenden industriellen Prozessen, insbesondere im Hardware- und Anlagenbereich, kurzfristig umzusetzen, ist eine hochkomplexe Aufgabe. In vielen Fällen erfordert das gravierende Eingriffe in bestehende Infrastrukturen – während gleichzeitig technologische Alternativen noch nicht flächendeckend ausgereift oder wirtschaftlich verfügbar sind.
Gerade deshalb ist es entscheidend, diesen Unternehmen pragmatische Übergangslösungen anzubieten. Lösungen, die sofort wirksam sind, sich in bestehende Prozesse integrieren lassen und den Unternehmen Zeit verschaffen, langfristige Transformationen vorzubereiten.
Die Alternative wäre, dass in diesen Segmenten kurz- bis mittelfristig gar nichts geschieht. Das wäre aus unserer Sicht nicht nur ökologisch problematisch, sondern auch wirtschaftlich deutlich riskanter. Übergangslösungen ermöglichen es, Emissionen bereits heute substanziell zu reduzieren – und schaffen damit eine Brücke zwischen regulatorischem Anspruch und industrieller Realität.
Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg.
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