„Ich wünsche mir, dass ich eines Tages meinen Kindern ein Nashorn in freier Wildbahn zeigen kann“
Lea Henzgen hat mit 30 Jahren schon eine beeindruckende unternehmerische Laufbahn hinter sich, und ein Ziel hat sie dabei fest im Blick: den Schutz bedrohter Tierarten in Afrika. Während ihres Masterstudiums an der WHU gründete Lea 2020 gemeinsam mit Mitstreiter:innen aus dem WHU-Netzwerk die AMES Foundation. Heute schützt die Stiftung nicht nur knapp 2.000 Hektar Natur in Südafrika, sondern entwickelt mit dem sogenannten Habitat Fund auch neue Investitionsmodelle für Naturschutz. Uns erzählt sie, welche Rolle Technologie dabei spielt, wie Ökosysteme durch Arbeitsplätze vor Ort gesichert werden – und welche Ziele sich die AMES Stiftung für die Zukunft setzt.
Lea, wie sieht die Arbeit der AMES Foundation vor Ort konkret aus?
Unsere Projekte reichen von Drohnenüberwachung über Frühwarnsysteme bis hin zu Aufklärungsarbeit in den Communities. Wir haben uns dem Schutz von afrikanischem Lebensraum und dem Erhalt von Biodiversität verschrieben. Vor Ort nimmt der Schutz vor Wilderern einen Schwerpunkt ein. In unserem ersten Reservat spielt der Nashornschutz eine große Rolle, denn diese Tiere sind extrem gefährdet und auch ihr Lebensraum schrumpft rapide. Das Horn der Tiere ist eines der teuersten illegalen Wildtierprodukte der Welt und wird auf dem Schwarzmarkt mit bis zu 300.000,00 USD pro Kilogramm gehandelt, das ist teurer als Kokain oder Gold. In unserem Reservat in der Waterberg-Region arbeiten aktuell 20 Menschen, darunter unter anderem Anti-Wilderei-Ranger, Conservationists, die sich für den Schutz der Umwelt und natürlicher Ressourcen einsetzen, und sogar ein Spürhund. Vor Ort schaffen wir dadurch Arbeitsplätze für die lokale Bevölkerung – das ist langfristig mindestens ebenso entscheidend für den Schutz der Natur wie Überwachungssysteme.
Um den Schutz der Natur zu gewährleisten, setzt ihr stark auf Technologie. Warum?
Wir investieren viel in Anti-Wilderer-Maßnahmen und nutzen das, was wir „Conservation Tech“ nennen. Sie dient dazu, unsere gesamten Schutzmaßnahmen zu verbessern: Drohnen mit KI, die Menschen von Tieren unterscheiden können, Kameras mit Wärmebildfunktion und ein automatisiertes Frühwarnsystem, das Ranger sofort informiert, wenn beispielsweise Unbefugte ins Reservat eindringen, sind da Beispiele. Mithilfe dieser Technologien können wir potenzielle Wilderer früh erkennen und schneller reagieren. Sie machen den Schutz der Reservate effizienter und präziser – besonders auf großen Flächen.

Wie wichtig ist es für euch dabei, die lokale Bevölkerung in eure Projekte einzubinden?
Das ist für den Erfolg unserer Arbeit zentral. Nachhaltiger Schutz funktioniert nur, wenn er auch sozialen Mehrwert schafft. In unserem zweiten Schutzgebiet, das über den Habitat Fund läuft, entstehen aktuell bis zu 200 neue Arbeitsplätze. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote in Südafrika liegt bei 43,1 % und ist in dieser Region (Pondoland) die höchste im gesamten Land. Ein Job kann eine ganze Familie mitversorgen – im Schnitt sind das sieben Personen. Wenn die lokale Bevölkerung sieht, dass Naturschutz auch Einkommen bedeutet – und zwar langfristiges Einkommen –, werden die Menschen vor Ort oft Teil unseres Projekts und wir erzielen eine nachhaltige Veränderung ihrer Einstellung: Lebensraum wird erhalten und nicht geplündert. Auf diese Weise wächst unser Impact.
Wie kam es 2020 zur Gründung der AMES Foundation und dann zum Habitat Fund?
Mein WHU-Mentor Marlon Braumann meldete sich 2019 aus Südafrika bei mir. Er hatte dort dramatische Szenen im Tierschutz erlebt und sagte: „Wir müssen etwas tun.“ Einige Wochen später saßen wir mit Freund:innen in Berlin zusammen und haben uns im Netz darüber informiert, wie man eine Stiftung gründet. Wir wollten etwas schaffen, das transparent, effizient und wirklich wirksam ist. Jeder Euro sollte vor Ort ankommen. Gleichzeitig war uns klar: Um wirklich skalieren zu können, brauchen wir mehr als Spenden. So haben wir 2022 umstrukturiert, und die Idee zu dem, was heute unser „Habitat Fund“ ist, ist entstanden – ein Investmentfonds, der nicht in Firmen, sondern in afrikanische Lebensräume investiert. Damit machen wir Natur investierbar. Ein Investment schafft Wirkung, wirtschaftlich wie ökologisch. Der Fund funktioniert im Prinzip wie ein Venture-Capital- oder Private-Equity-Fonds: Wir erwerben Lebensraum oder Anteile von größeren Schutzgebieten und stellen so sicher, dass dort die Biodiversität geschützt wird und Flächen miteinander verbunden werden. Durch verschiedene naturfreundliche Geschäftsmodelle erwirtschaften wir Renditen für unsere Investoren. Das können beispielsweise nachhaltiger Tourismus, regenerative Energien oder Ähnliches sein. Unser Ziel ist es, bis 2035 eine Million Hektar Land unter Schutz zu stellen. Das ist eine Fläche, die in etwa viermal so groß ist wie das Saarland.
Was motiviert dich, so viel Zeit und Energie in diese Arbeit zu stecken?
Ich sage oft: Ich möchte Erinnerungen bewahren. Ich wünsche mir, dass ich meinen Kindern eines Tages ein Nashorn in freier Wildbahn zeigen kann. Wir leben im Westen extrem privilegiert – und daraus entsteht aus meiner Sicht Verantwortung. Jeder kann selbst für sich entscheiden, wie er mit dieser Verantwortung umgeht. Es gibt genug Leid auf dieser Welt, und natürlich kann man sich nicht allem annehmen, aber meiner Meinung nach haben wir durch dieses Privileg die Verantwortung, uns einem Thema zu widmen und auf diese Weise etwas zurückzugeben. AMES ist schon lange nicht mehr nur ein Projekt, sondern ein Herzensanliegen, das vor Ort nachhaltig Wirkung erzielt und zugleich Spaß macht. Einer meiner AMES Mitgründer hat einmal gesagt: „Gutes Tun muss nicht immer weh tun, es darf auch Spaß machen.“ Und das tut es – sehr sogar.
Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg.
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